Geschichte

Worbis - Schützengesellschaft

Aus dem wehrhaften Charakter der deutschen Städte entstanden im 16. Jahrhundert die Schützengesellschaften. Unter Kurfürst Daniel Brendel zu Mainz fanden sich 1576 beherzte Worbiser Bürger, um in Worbis eine Schützengesellschaft zu gründen. 1684 wird zum ersten Male ein Schützenfest erwähnt, auch daß damals der Schützenkönig als Preis für seinen Meisterschuß eine kostbare Müntze erhielt. Mit der Weiterentwicklung der Stadt nahm auch das Schützenwesen einen bedeutenden Aufschwung. Der Kurfürst Philipp Karl von Eltz-Kempenich verlieh der Schützengesellschaft zu Worbis 1739 das Privilegium des freien Schützengebräus (Befreiung von der landesherrlichen Steuer, dem Braugeld). So durften Besitzer eines Brauhauses, und davon gab es viele, steuerfreies Bier brauen. Im Gewinnfall des Schützenkönigs wurde ihnen noch einmal dazu ein Jahresrecht eingeräumt. 1750 zählte die Schützengesellschaft 28 Schützen. Führer der Schützenkompanie wurde 1751 der Hauptmann und Advokat Weinrich. Er gewann den halben Bräu und war somit der erste benamte Schützenkönig. Im folgenden Jahr traf die Ehre des Schützenkönigs den Stadtschultheißen und kurfürstlichen Beamten der Stadtverwaltung Joseph Anton Wagner. Unter der Krone Preußens wurde eine neue Verordnung über das Vogel- und Scheibenschießen erlassen. Darin wird u.a. vermerkt: "Um alles Unheil und befürchtetes Unglück zu vermeiden, soll keinem erlaubt seyn, mehr als eine Kugel einzuladen ... Wenn vor dem Schuße ein Gewinn herunterfallen sollte, so fällt solcher der Companie anheim ... Soll jeder, der auf den Vogel oder die Scheibe zu schieOen willens ist, sich alles übermäßigen Trinkens bey Verlust seines Schusses enthalten, da man ohne Gefahr einem Betrunkenen kein Gewehr anvertrauen darf ...". Unter westfälischer Herrschaft kam das "Freischützen- und Schießgebräu" in Wegfall. Auf dem Schützenplatz stand in früherer Zeit das Leprosen- oder Siechenhaus. Als die Seuche erlosch, verfiel der Siechenhof. 1738 wird der Platz vor dem "Iberg bey der Capellen" zum 1. Mal als Schützenplatz aufgeführt. 1821 kaufte die Stadt ein Bretterzelt von der Ww. des Försters Funke, das auf dem Lindenberg bei Duderstadt als Tanzzelt gedient hatte, für "190 Thaler preußisch Courat". Es war ein einstöckiges Gebäude mit Hohlziegeln bedeckt, 55 Fuß lang und 25 Fuß breit, die Wände bestanden aus Brettern, die innen grün angestrichen waren. Das Dach krönte eine Windfahne mit der Jahreszahl. Der Kaufmann Michael Kirchner pachtete bis Ende 1822 das Zelt für 162 Taler und war somit der erste Schützenwirt. Später eröffnete er die Gaststätte "Drei Rosen". 1852 kaufte die Schützenkompanie von der Stadt den Platz, worauf das Bretterzelt und die Schießhalle standen: ein Morgen Grund und Boden. Allerdings mußte der darauf gelegene Dienstgarten des Polizeidieners, der alte Siechenhof, ihm zur Benutzung belassen werden. Das Bretterzelt war von nun an Schützeneigentum. Alle Pacht floß in die Schützenkasse. 1854 wurden von den Einnahmen für den Hauptstand eine 12 Zentner schwere eiserne Scheibe von der königlichen Hütte in Lauterberg angeschafft. Am westlichen Giebel des Bretterzeltes erfolgte ein Anbau als Wohnung des Schützenwirtes. 1862 trat die Schützenkompanie ihr Eigentumsrecht an den von ihr gepflanzten Linden- und Obstbäumen der Stadt ab und erhielt dafür den Garten des Stadtpolizisten. 1863 erfolgte der Ausbau des Tanzsaales im Bretterhaus. Tapeten und Dielen wurden angebracht, Bänke für's Orchester und den Saal sowie ein Ofen angeschafft. 1879 wurden am Westende abermals 2 Zimmer angebaut. 1885 gab es einen Unfall beim Schießen: eine überfliegende Kugel verwundete am Kapellenberg einen jungen Mann tödlich. Ab sofort mußten daraufhin die Schanzen erhöht und eine Schießpforte angelegt werden. 1894 wurde der Karussellplatz erworben. Um die Jahrhundertwende errichtete man eine Schießhalle und baute den neuen Saal weiter aus. 1904 erfolgte die Neuanlegung von Schießständen, 1925 die Aufstockung eines 2. Stockwerks am Mittelteil des Schützenhauses. Seit 1847 besteht die Schützenuniform aus einem grünen Waffenrock, weißer Hose und Mütze. 1867 wurde eine graue Joppe mit grünem Kragen eingeführt, eine schwarze Hose und grüne Mütze mit preußischer Kokarde kamen hinzu. 1885 erhielten die Oberjäger, 1891 auch die übrigen Schützen Hirschfänger. Anstelle der Mützen traten 1905 graue Hüte. Die Zahl der Mitglieder war beträchtlich angewachsen. Der wichtigste Tag des Schützenfestes war von jeher der dritte Schützenhoftag, denn dann fand das Königsschießen auf der Stechscheibe statt, "in gar feierlicher Weise vom Herrn Landrat eröffnet". Ferner berichtet die Chronik: "Auf dem Schützenplatz selbst herrscht reges Treiben, die Bäcker verkaufen die berühmten "Worbiser Krengel", Schinken, Garwürste, Bratwurst, die beliebten "sauren Klebchen" werden feil geboten. Ein Wein- Bier- und Punschzelt ist aufgebaut. In der Garküche werden Spezialitäten angeboten. In der, Porzellanbude kann um Porzellan- und Glaswaren gewürfelt werden und in Klempnerbuden sind Klempnerwaren zu gewinnen. Oft ist auch für die Kinder ein Kasperle-Theater da. Schuß um Schuß hört man die Büchsen knallen." Auch am Sonntag, den 26. Juli 1914, war die Schützengesellschaft zur alljährlichen Feierlichkeit ausgezogen, als am Abend des 27. Juli die Nachricht vom Beginn des 1. Weltkrieges eintraf. Danach kam keine rechte Stimmung mehr auf. Mit dem Einbringen des Schützenkönigs und dem Gesang der Nationalhymne schloß das Schützenfest. Gleich zu Beginn des Krieges war im Krankenhaus ein Lazarett errichtet worden. Anstelle der ausfallenden Schützenfeste veranstaltete die Schützengesellschaft in jedem Jahr eine kleine Feier, wozu die Verwundeten eingeladen wurden. Mit den marschfähigen Verwundeten zogen sie jeweils um 8 Uhr unter Trommelklang mit fliegender Fahne zur Klosterkirche, wo für die gestorbenen und gefallenen Schützen ein Requiem stattfand. Hernach folgte auf dem Schützenplatz ein kameradschaftliches Beisammensein. Die Namen ihrer gefallenen Helden ließ die Schützenkompanie in eine erzene Ehrentafel eingravieren, die 1921 feierlich enthüllt wurde. 1926 feierte die Schützengesellschaft ihr 350 jähriges Bestehen und Lehrer Th. Türich veröffentlichte dazu eigens eine Festschrift. Als man ungeahnt zum letzten Schützenfest im Jahre 1939 schritt, schrieb die Zeitung: "Das Worbiser Schützenfest mit seinen vielerlei Überraschungen und Freuden rückt nun immer näher heran. Nach herkömmlichem Brauch wurde am Sonntag vor dem Schützenfest die außerordentliche Schützenversammlung abgehalten. Der Vereinsführer Beyer eröffnete den außerordentlichen Schützentag und hieß die Kameraden herzlich willkommen. Die Kreismeisterschaftsurkunden wurden ausgehändigt, gleichzeitig konnte die Schützengesellschaft Worbis als Kreismeister und Unterkreismeister ausgezeichnet werden. Zwei Kameraden wurden zum Oberjäger befördert, die Schießschnur Klasse A und B erhielten 6 Worbiser. Schießbedingungen und Festfolge wurden noch einmal durchgesprochen. Ein reichhaltiges Programm steht bevor: Schau- und Zuckerbuden, Karussells sowie Schaukeln und sonstige Volksbelustigungen. Höhepunkt ist das Ausschießen des Volksschützenkönigs und einer Königin". Der Einheitssatzung zum Trotz lösten die Schützen im Dritten Reich den Verein auf. 1990 bildete sich in Worbis eine neue Schützengesellschaft. 1991 stellte das erste Worbiser Schützenfest wieder einen besonderen Höhepunkt dar.